Der Frosch, der die Sterne polierte
Tief in einer Senke, wo sich das Schilf dicht aneinanderlehnt und der Mond seine Zehen ins Wasser tunkt, lebte ein kleiner grüner Frosch namens Pim.
Pim war nicht wie die anderen Frösche.
Die anderen sangen laute Lieder von der Dämmerung bis Mitternacht und bliesen ihre Kehlen auf wie kleine Dudelsäcke. Doch Pim war ein Sternengucker. Er saß ganz still auf seinem Lieblingsstein, das Kinn erhoben, die Augen weit wie zwei dunkle Teiche für sich.
Und in jeder Mittsommernacht hatte Pim eine Aufgabe.
Er war der Hüter der Seerosen-Spiegel.
Niemand hatte ihn darum gebeten. Er war es einfach.
Denn der Teich, in dem Pim lebte, war kein gewöhnlicher Teich. In den längsten, wärmsten Nächten des Jahres, wenn der Himmel schwer wurde von Sternen, drehten die Seerosenblätter ihre Gesichter nach oben und fingen die Sternbilder ein, die vorüberzogen. Jedes runde Blatt wurde ein kleiner Spiegel, und jeder Spiegel hielt ein Stück Himmel — einen hellen Bären, einen geringelten Drachen, einen Löffel aus silbernem Licht.
Aber Sterne sind scheu. Sie legen sich nicht auf Wasser, das staubig ist oder gekräuselt oder unruhig. Und so hatte Pim von seiner Großmutter gelernt, und sie von ihrer, wie man die Blätter mit Nebel poliert.
Diese Mittsommernacht begann sanft.
Eine warme Stille lag über dem Schilf. Irgendwo stieß eine Motte behutsam gegen ein Blatt und entschuldigte sich. Der Teich war glatt wie ein angehaltener Atem.
Pim glitt fast lautlos von seinem Stein. Plumps.
Er paddelte zum ersten Seerosenblatt, dem großen bei den Weidenwurzeln. Ein müdes altes Sternbild suchte schon einen Platz zum Schlafen — der Große Fisch, dessen Schwanz aus sieben kleinen Sternen war.
“Einen Augenblick, Freund”, flüsterte Pim.
Er holte langsam Luft. Dann blies er einen Hauch Nebel aus — kein Pusten, kein Schnauben, nur ein weiches graues Band, das über das Blatt trieb. Mit seiner kleinen Schwimmhand wischte er in langsamen, geduldigen Kreisen.
Das Seerosenblatt glänzte.
Der Große Fisch seufzte, ringelte seinen Schwanz und ließ sich auf den Spiegel sinken wie eine Katze auf ein Kissen.
“Schlaf gut”, sagte Pim.
Er paddelte weiter.
Es gab viel zu tun. In Mittsommernächten immer.
Er polierte das Blatt bei den Rohrkolben für den Kleinen Löffel, der eine stille Ecke mochte. Er polierte das Blatt bei den Froschbiss-Blüten für den Drachen, der lang war und in einer sanften Kringel gelegt werden musste. Er polierte ein winziges Blatt, nicht größer als eine Münze, für einen einsamen wandernden Stern, der seine Herde verloren hatte und nur einen kleinen Platz brauchte, um sein Licht anzulehnen.
Hauch. Wisch. Hauch. Wisch.
Der Nebel auf seinem Atem schmeckte nach Wasserminze und altem Regen.
Weiter und weiter zog Pim, von Blatt zu Blatt, und der Himmel senkte sich langsam, ganz langsam, ins Wasser. Bald war der Teich gar kein Teich mehr. Er war ein zweiter Himmel, flach ausgebreitet und glänzend, der all die schlafenden Formen der Nacht hielt.
Irgendwo mitten in allem wurde Pim müde.
Seine Augenlider fühlten sich schwer an wie nasse Blütenblätter. Seine kleinen Arme schmerzten auf jene gute, weiche Art, wie Arme schmerzen, wenn sie freundliche Arbeit getan haben.
Doch ein Blatt war noch übrig.
Es schwamm ganz allein in der Mitte des Teichs und wartete. Und darüber, nur einen Wimpernschlag über dem Wasser, schwebte der kleinste, scheueste Stern, den Pim je gesehen hatte. Sie flackerte wie eine Kerze, die ihres Dochts nicht sicher ist.
“Komm nur”, murmelte Pim. “Es ist auch für dich Platz.”
Er atmete seinen letzten sanften Hauch Nebel aus. Er wischte das Blatt in drei langsamen Kreisen. Und er wartete.
Der kleine Stern sank herab.
Sie berührte das Seerosenblatt, wie eine Schneeflocke einen Fäustling berührt — ohne Laut, ohne Kräuselung — und sie schmiegte sich hinein, sicher und rund und leuchtend.
Pim lächelte.
Er paddelte zurück zu seinem Stein.
Um ihn herum lag der Teich vollkommen still. Hundert Seerosenblätter. Hundert kleine Spiegel. Hundert schlafende Sterne, zugedeckt für die Nacht, wartend, bis der Morgen sie sanft heimhob.
Pim legte sein Kinn auf den warmen Stein.
Das Schilf wiegte sich, nur ein wenig. Ein Frosch sang, weit weg, einen einzigen tiefen Ton wie ein Wiegenlied, das sich selbst erinnert. Der Mond neigte sich näher, als wollte er danke flüstern.
Pims Augen wurden weicher. Weicher.
Er dachte an den Großen Fisch, geringelt auf seinem Kissen. Er dachte an den Drachen, der in seiner sanften Kringel träumte. Er dachte an den scheuen kleinen Stern, gehalten von seinem runden grünen Bett.
Alles, was gehalten werden musste, wurde gehalten.
Alles, was ruhen musste, ruhte.
Und weil alles geborgen war, schloss Pim endlich auch seine eigenen Augen — ein kleiner grüner Frosch auf einem warmen grauen Stein, der den langsamen Atem des Schlafes atmete, während über ihm und unter ihm und rings um ihn her die Sommersterne still auf dem Wasser lagen, bis der Morgen kam.