Fräulein Pip und der Obstgarten der stillen Blüten
Fräulein Pip war ein Igel mit einer sehr kleinen Brille und einem sehr großen Buch.
Die Brille rutschte ihr beim Gehen die Nase hinunter, was oft geschah, denn Fräulein Pip war die Bibliothekarin des Obstgartens, und ein Obstgarten ist ein Ort, der darum bittet, langsam durchwandert zu werden.
Ihr Buch war in moosgrünes Tuch gebunden. Im Inneren waren die Seiten leer. Fräulein Pip schrieb nicht hinein. Sie presste Dinge hinein.
Ein Blatt von dem Morgen, an dem ihr Tee kalt geworden war. Eine Feder, die der Zaunkönig auf der Lesebank vergessen hatte. Ein Streifen Rinde vom Birnbaum, der bei Gewittern summte.
Das Buch war, wie sie gerne sagte, eine Bibliothek des sanften Erinnerns.
An diesem besonderen Abend hing der Mond über dem Obstgarten wie eine Laterne, die jemand vergessen hatte hereinzutragen.
Die Apfelbäume vollendeten ihre Blüte. Blütenblätter sanken in langsamen, ungeeilten Spiralen herab, so wie Schnee in Geschichten fällt, in denen niemals etwas Schlimmes geschieht.
Fräulein Pip trat aus ihrem Bau, das Buch unter einer Pfote, die Brille so gut geputzt, wie sie es vermochte. Die Welt war, wie immer, an den Rändern ein wenig verschwommen. Die Bäume waren weiche grüne Wolken. Der Mond war ein warmer Fleck. Die Blüten waren winzige blasse Motten, die nirgendwohin im Besonderen flatterten.
Es störte sie nicht. Kurzsichtige Wesen, hatte sie längst beschlossen, leben einfach näher an den Dingen.
Näher, dachte sie, ist ein guter Ort zum Leben.
Sie ging die Reihe entlang, die sie jeden Frühling ging. Am krummen Baum vorbei. Am Baum, in dem im Sommer die Bienen wohnten, vorbei. Am Baum vorbei, dem sie selbst einen Namen gegeben hatte, weil niemand sonst daran gedacht hatte: Dienstag.
Am Dienstag blieb sie stehen.
Eine Blüte war auf die offene Seite ihres Buches gefallen, ohne dass sie es bemerkt hatte. Fünf kleine Blütenblätter, blass wie Milch, mit dem zartesten Rosa in der Mitte.
Fräulein Pip schob die Brille auf die Stirn und hielt die Seite ganz nah an ihre Nase.
“Oh”, flüsterte sie. “Du bist genau die Richtige.”
Sie schloss das Buch sanft, so wie man eine Tür vor einem schlafenden Kind schließt.
Sie ging weiter.
Der Obstgarten bei Nacht ist voller leiser Geräusche, wenn man die Art Wesen ist, das zuhört. Eine Maus, die Samen umordnet. Das langsame Ticken des Taus, der sich auf einem Stängel sammelt. Irgendwo, sehr weit weg, eine Eule, die dieselbe geduldige Frage stellt, die sie seit Jahren stellt.
Fräulein Pip sammelte im Gehen.
Eine Blüte vom Pfad, wo ein Hase vorsichtig um sie herumgehüpft war. Für den Abend, an dem der Regen nach Zucker roch, murmelte sie, und presste sie hinein.
Eine Blüte vom tiefen Ast, der ihr immer das Ohr streifte. Für den Abend, an dem ich vergaß, in Eile zu sein. Hinein.
Eine Blüte, die irgendwie in die Windung einer schlafenden Schnecke gefallen war. Diese nahm sie nicht. Sie betrachtete sie nur eine Weile und erinnerte sich an sie stattdessen, was eine andere Art des Pressens ist — die, die im Inneren geschieht.
Ihr Buch wurde ein wenig schwerer. Der Frühling machte es immer schwerer. Bis Mittsommer würde es prall wie ein Brotlaib sein, und sie würde es mit einem grünen Bändchen zubinden müssen.
Doch heute war es noch Frühling, und die Blüten fielen noch, und der Mond war noch geduldig mit allem.
Fräulein Pip kam endlich an die Lesebank unter dem ältesten Baum.
Sie kletterte hinauf — es brauchte einen kleinen Hüpfer und ein entschlossenes Wackeln — und setzte sich mit dem Buch im Schoß. Ihre Brille rutschte hinab. Sie ließ sie.
Der Obstgarten, verschwommen und silbern, sah aus wie ein Gemälde, das jemand halb schlafend gemalt hatte. So gefiel er ihr.
Sie schlug das Buch an seiner neuesten Seite auf und legte die Pfote flach über die Blüten dort. Sie waren kühl. Sie dufteten leise nach Honig und nach Abenden, die schon dabei waren, Erinnerungen zu werden.
“So”, sagte sie sanft, zu niemandem, zu allen. “Nun bist du bewahrt.”
Ein Blütenblatt landete auf ihrer Nase. Sie wischte es nicht fort.
Sie dachte an all die Frühlinge, die das Buch in sich trug. Den Frühling des langen Regens. Den Frühling, in dem die Fuchsjungen an ihrer Tür vorbeigetollt waren. Den Frühling, in dem sie zum ersten Mal Dienstag gefunden und beschlossen hatte, dass er einen Namen verdient.
Jeder war darin. Jeder war sicher.
Der Obstgarten atmete. Fräulein Pip atmete mit ihm.
Irgendwo stellte die Eule wieder ihre Frage, sanfter nun, als würde auch sie müde.
Fräulein Pip schloss das Buch. Sie klemmte es unter den Arm. Sie kletterte von der Bank, eine vorsichtige Pfote nach der anderen, und begann den langsamen Heimweg durch die Blüten.
Der Mond folgte ihr, so wie es Monde tun.
Und wärst du dort gewesen — wärst du sehr klein gewesen und sehr still und bereit, ganz nah heranzukommen — du hättest einen kurzsichtigen Igel mit einem moosgrünen Buch in einem Bau verschwinden sehen, der mit alten Blättern und älterer Güte ausgelegt war.
Du hättest die Tür zugehen sehen.
Du hättest den Obstgarten zur Ruhe kommen sehen.
Und irgendwo im weichen Dunkel, zwischen zwei Seiten, würde eine einzige Apfelblüte den ganzen Abend stillhalten, ihn warm halten, ihn sicher halten, bis du dich wieder an ihn erinnern müsstest.
Was vielleicht jetzt ist.
Gute Nacht, Kleines.
Gute Nacht.