Pim und die Schornsteine der stillen Träume
Hoch über der schlafenden Stadt, wo sich die Schieferdächer aneinanderlehnen wie alte Freunde, die ein Geheimnis teilen, lebte eine kleine graue Maus namens Pim.
Pim war Schornsteinfeger.
Aber nicht die Sorte, die Ruß kehrt. Pim kehrte etwas Sanfteres.
Sein Besen war aus einem einzigen Pusteblumensamen gemacht, festgebunden an einem Zweiglein mit einem Faden aus Spinnenseide. Sein Hut war ein Fingerhut. Sein Mantel hatte drei Knöpfe, alle verschieden, und jeder war ein Geschenk gewesen.
Jeden Abend, wenn die Sonne müde wurde und die Wolken die Farbe warmer Pfirsiche annahmen, schlüpfte Pim durch seine kleine Tür unter der Wetterfahne und begann seine Runde.
Tipp. Tapp. Tipp.
Seine Pfoten machten das leiseste Geräusch auf dem Schiefer, leiser als ein Nachtfalter, der auf einem Vorhang landet.
Schornsteine sind nämlich seltsame Dinge. Die Menschen schicken allerlei hinauf — Rauch natürlich, und den Duft von Suppe, und manchmal ein Lied, das jemand beim Geschirrspülen summt.
Aber sie schicken auch Tagträume hinauf.
Ein Tagtraum entsteht, wenn jemand aus dem Fenster schaut und für einen Augenblick vergisst, was er gerade tat. Der Tagtraum schlüpft leise hinaus und schwebt den Schornstein hinauf, dem Himmel entgegen.
Die meisten finden ihn auch.
Aber manche verfangen sich. Sie bleiben an einem losen Ziegel hängen, oder kuscheln sich in eine rußige Ecke, oder vergessen einfach, wo oben ist. Und dort warten sie, weich wie Spinnweben, in der Hoffnung, dass jemand kommt und ihnen hilft.
Dieser Jemand war Pim.
Er begann beim Schornstein des Bäckers, der immer warm war. Er spähte hinab ins Dunkel und sah ein kleines Wölkchen in Form eines Bootes mit einem Papiersegel. Die Tochter des Bäckers hatte vom Meer geträumt, während sie den Teig knetete.
Pim griff hinein mit seinem Pusteblumenbesen und gab dem Wölkchen den allersanftesten Stups.
Wisch.
Hinauf schwebte es, wackelnd wie eine Seifenblase, und der erste Stern des Abends blinzelte hallo, als das kleine Boot in das tiefer werdende Blau hinaussegelte.
Pim lüftete seinen Fingerhuthut.
Weiter ging er.
Am Schornstein des Schneiders fand er einen Tagtraum in Form eines Fuchses mit einer Geige. Beim Schuster eine winzige Heißluftballon, nicht größer als ein Regentropfen. Bei der Lehrerin eine ganze Bibliothek aus Büchern mit Schmetterlingsflügeln, jedes höflich flatternd, geduldig wartend.
Pim kehrte sie alle frei.
Eines nach dem anderen stiegen sie auf, trieben hinauf, um ihren Platz unter den Sternen zu finden, die sich nun zu sammeln begannen wie stille Kerzen, die in fernen Fenstern angezündet werden.
Ganz am Ende der Reihe stand ein alter, schiefer Schornstein auf einem Haus, an dessen Mauern Efeu rankte. Pim hatte diesen schon lange nicht mehr besucht. Der Rauch war vor Jahren erloschen.
Er spähte hinunter.
Dort, am Boden zusammengerollt wie ein schlafendes Kätzchen, lag ein Tagtraum, so alt, dass er an den Rändern schon ein wenig staubig geworden war. Er hatte die Form eines Papierkranichs, von der Sorte, die ein Kind faltet, wenn es noch nichts anderes falten kann.
Pim kletterte vorsichtig hinab, Pfote für Pfote, bis er ihn erreichen konnte. Mit dem zartesten Strich seines Pusteblumenbesens bürstete er den Staub von seinen Flügeln.
Der Kranich regte sich.
Er erinnerte sich an sich selbst.
Und ganz, ganz langsam hob er ab — an Pim vorbei, an den Ziegeln vorbei, am Schornsteinhut vorbei — hinaus in die kühle Abendluft, wo eine Brise ihn fasste, und er stieg, und stieg, und stieg.
Pim kletterte zurück nach oben, um zuzusehen.
Der kleine Kranich gesellte sich zu den anderen Träumen, die sich bereits am Himmel versammelt hatten, und gemeinsam kreisten sie einmal um den aufsteigenden Mond, bevor sie sich zwischen den Sternen niederließen.
Einen Moment lang glaubte Pim, das allerkleinste Geräusch zu hören — wie ein Kind, irgendwo tief unten, das im Schlaf seufzte. Ein glückliches Seufzen. Die Sorte, die kommt, wenn etwas Verlorenes still wiedergefunden wurde.
Pim lächelte unter seinen Schnurrhaaren.
Er setzte sich auf den warmen First des Daches und ließ seine kleinen Pfoten baumeln. Die Stadt war jetzt dunkel, bis auf das sanfte Leuchten verhangener Fenster. Der Himmel war voll von seinem Werk — Boote und Füchse und Ballons und Bücher und ein alter Papierkranich, alle leise funkelnd.
Er gähnte.
Er steckte seinen Besen in den Gürtel.
Und dann, denn auch Schornsteinfeger müssen ruhen, trippelte Pim langsam nach Hause über den Schiefer, den Fingerhuthut zurückgeschoben, die Augen schon schwer.
Irgendwo schlug eine Uhr einmal, ganz leise, so wie Uhren schlagen, wenn sie wissen, dass eine kleine Maus zu Bett geht.
Tipp. Tapp. Tipp.
Und über ihm leuchteten die Tagträume weiter und hielten die Nacht warm.
Schlaf nun. Die Sterne kümmern sich um alles.
Schlaf nun. Pim ist zu Hause.