Der Wolkenhirte von der Kiefernwiese
Hoch oben, wo sich der Berg an den Himmel lehnt, gibt es eine Wiese, die nur der Abend zu finden weiß.
Das Gras dort ist weich wie gebürstete Wolle. Kiefern stehen an ihren Rändern wie geduldige Tanten. Und mitten darin lebt ein Bär namens Brombeer, der weder ein Jagdbär ist noch ein Honigbär noch ein grimmiger Bär.
Brombeer ist ein Wolkenhirte.
Jeden Nachmittag, wenn die Sonne sich nach Westen neigt und das Licht die Farbe warmer Butter annimmt, stellt Brombeer seinen Blechbecher mit Kiefernnadeltee beiseite und schaut hinauf. Weit über der Wiese, aus den Tälern heimwärts treibend, kommen die kleinen Wolken.
Es sind Kumuluslämmer — klein, rund und am Ende des Tages furchtbar müde.
Bää, sagen sie, auf die sanfte Art, wie Wolken sprechen, was eher wie ein Seufzer durch hohes Gras klingt.
Brombeer erhebt sich und streckt sich. Sein Fell hat die Farbe alter Zeder. Seine Pfoten sind breit und leise. Er trägt keinen Hirtenstab, nur einen langen, schmalen Kiefernzweig, denn Wolken mögen es nicht, gestupst zu werden; sie mögen es, vorgeschlagen zu werden.
Eines nach dem anderen sinken die Kumuluslämmer durch die dünne Bergluft herab. Manche kommen taumelnd, an den Rändern noch hell vom Sonnenjagen. Manche kommen langsam, mit rosigen Bäuchen. Ein oder zwei kommen schon halb schlafend an und stoßen sanft gegen Brombeers Schulter, als sei er eine vertraute Tür.
“Na, na,” sagt Brombeer mit einer Stimme wie eine tiefe Holzflöte. “Na, na, ihr Kleinen. Der Tag faltet sich zusammen.”
Er zählt sie, wird aber nie ungeduldig, wenn die Zahl nicht stimmt. Manchmal ist ein Lamm auf einem Bergkamm zurückgeblieben, um dem letzten Adler beim Heimflug zuzusehen. Manchmal hat sich eines an einer hohen Tanne verhakt und muss mit dem sanften Zweig befreit werden.
Heute Abend sind es siebzehn. Es sind fast immer siebzehn, obwohl Brombeer sich nie ganz sicher ist.
Er beginnt zu summen.
Es ist ein altes, altes Lied, eines von jenen, die die Berge ihn lehrten, bevor er sich erinnern konnte, es gelernt zu haben. Es hat keine Worte, nur die Formen des Wetters darin — den langen, langsamen Ton des Sommerregens, das runde Summen des Morgennebels, das kleine Verstummen der ersten Schneeflocke auf einem Stein.
Die Lämmer lieben dieses Lied. Sie haben es immer geliebt.
Während er summt, geht Brombeer langsam zu den Kiefernzweigen am anderen Ende der Wiese. Vor langer Zeit hat er sie zu einem niedrigen, runden Gatter geflochten — nicht um die Wolken drinnen zu halten, sondern um ihnen einen Ort zu geben, an dem sie hingehören. Die Zweige duften nach Harz und Regen. Innen ist der Boden dicht mit gefallenen Nadeln, weich wie der Schoß einer Großmutter.
Die Lämmer folgen. Natürlich folgen sie. Sie treiben in einer langsamen, wolligen Reihe hinter ihm her, stoßen sanft aneinander und gähnen kleine weiße Gähner.
“Vorsicht, der Stein, Kleines,” murmelt Brombeer einem Lamm zu, das zu tief geschwebt ist. Er hebt es sanft mit dem Zweig hoch, so wie man ein schiefes Bild geraderückt. “So. Besser.”
Ein Lamm bleibt immer wieder stehen, um ein Glühwürmchen zu betrachten. Brombeer wartet. Er hat es nie eilig. Eile, so hat er gelernt, macht Wolken nur nervös, und nervöse Wolken werden grau.
Endlich erinnert sich das Kleine an das Lied und treibt weiter.
Am Gatter aus Kiefernzweigen tritt Brombeer zur Seite und lässt sie eines nach dem anderen hinein. Jedes Lamm lässt sich mit einem kleinen, zufriedenen pff nieder und sinkt ins Nadelbett, bis nur noch sein runder Rücken zu sehen ist, wie ein Brotlaib, der in einer warmen Küche aufgeht.
Jetzt summt er ein anderes Lied. Dieses ist noch älter. Es ist das Lied fürs Einschlafen.
Es geht tief und langsam, tief und langsam, und die Lämmer drücken sich enger aneinander, werden zu einem einzigen flauschigen Haufen, einem weichen weißen Hügel, der leise in der Dämmerung atmet.
Über ihnen hebt sich der Mond über den östlichen Kamm. Es ist heute Nacht ein junger Mond, silbern wie ein Fisch, und er schaut auf das Wolkengatter hinab, als hätte er den ganzen Tag nur darauf gewartet.
Brombeer setzt sich an den Rand des Gatters. Er schlägt seine breiten Pfoten unter sich. Er summt weiter, immer leiser, bis das Lied kein Klang mehr ist, sondern ein Gefühl — das Gefühl, gezählt und gedeckt und gehalten zu werden.
Eines nach dem anderen beginnen die Lämmer zu träumen. Man erkennt es daran, dass ihre Ränder weicher werden. Eine träumende Wolke hat keine scharfen Ecken. Eine träumende Wolke ist nur ein kleiner, glühender Gedanke, der in einem Nest aus Kiefern ruht.
Der Berg wird dunkel und gütig um sie herum. Weit unten spricht ein Bach leise mit sich selbst über das Meer. Eine einzelne Eule stellt eine einzelne Frage und braucht keine Antwort.
Brombeers Summen wird langsamer. Langsamer. Fast nichts mehr.
Er schaut noch einmal zum Mond, und der Mond schaut noch einmal zu ihm, und sie nicken einander zu, wie es alte Freunde tun, die dies jeden Abend seit sehr langer Zeit getan haben.
Dann schließt auch Brombeer die Augen, nur für einen Moment, und lauscht dem Atem von siebzehn kleinen Wolken unter siebzehn kleinen Sternen.
Und die Wiese hält sie alle — Bär und Lämmer und Mond und Kiefer — so wie eine gute Tasche einen glatten, warmen Stein hält.
Schlaf jetzt, Kleines.
Die Wolken sind in ihrem Gatter. Der Bär wacht. Das Lied summt noch immer, leise, leise, irgendwo dicht über deinem Kissen.