Fräulein Mireille und der schläfrige Himmel

Hoch oben unter dem Dachgebälk eines schiefen alten Hauses, wo die Sparren knarrten wie ein Kessel, der sich an sein Lied erinnert, lebte eine kleine graue Motte namens Mireille.

Sie war Astronomin.

Nicht die Sorte mit Teleskopen so groß wie Kanonen, auch nicht die Sorte, die lange Wörter an Tafeln schrieb. Mireilles Sternwarte war eine Fensterbank. Ihre Instrumente waren drei: ein Bleistift, abgenutzt bis zum Flüstern, eine Lupe, die sie im Innern einer alten Taschenuhr gefunden hatte, und ein silberner Fingerhut.

Jeden Abend, wenn die Sonne sich hinter die Schornsteine faltete, kletterte Mireille auf ihre Fensterbank und rollte ihre Karten aus.

Die Karten waren weich vom vielen Gebrauch. Sie waren auf der Innenseite von Mottenflügelpapier gezeichnet, so dünn, dass man seinen Atem hindurch sehen konnte. Jede zeigte ein anderes Stück Himmel — hier das langsame Rad des Sommers, dort den stillen Haken des Angelsterns und dort, am Rand, ein Fleck, wo sie einmal Tee auf den Jupiter verschüttet hatte.

Heute Nacht, dachte sie und strich die größte Karte glatt, werden sie schwierig sein.

Sie spürte es schon. Die Sterne waren unruhig.


Mireille war müde. Sie war seit mehreren Nächten müde, was die besondere Müdigkeit kleiner Wesen ist, die große Dinge ernst nehmen.

Die Planeten, müsst ihr wissen, wollten nicht immer ins Bett.

Mars war der Schlimmste. Mars wälzte sich gern und tat so, als wäre er noch warm vom Tag. Venus wollte noch ein Lied. Saturn brauchte ewig, um all ihre Ringe einzustecken, einen nach dem anderen, wie eine Großmutter, die ihre Schals ordnet. Und die kleinen mondfarbenen Sterne am Horizont flüsterten sich endlos zu, kicherten, weigerten sich, zur Ruhe zu kommen.

Jemand musste ihnen helfen. Mireille hatte schon vor langer Zeit beschlossen, dass dieser Jemand sie war.

Sie hob ihren Fingerhut.

Darin schimmerte ein einziger Schluck Mondschein — nicht der aus Flaschen, sondern echter Mondschein, jene blasse silberne Flüssigkeit, die sich auf Spinnweben sammelt, wenn der Mond sich nahe lehnt. Sie hatte ihn sich, sehr höflich, von einer Spinne drei Sparren weiter geliehen, die nur darum bat, den Fingerhut bis zum Morgen zurückzubekommen.

Mireille tauchte die Bleistiftspitze ins Silber.

Und sie begann zu zeichnen.

Sie zog eine lange, langsame Linie von einem Stern zum nächsten, und während die Linie auf ihrer Karte erschien, schienen die Sterne am Himmel ein wenig zu verstummen, als hätte jemand sanft einen Finger an ihre Lippen gelegt.

“So”, flüsterte sie. “Das ist der Weg. Folgt ihm nach Hause.”

Sie zeichnete die Kurve des Schlafenden Schwans, dessen Hals ein Kissen aus den eigenen Federn macht. Sie zeichnete das weiche Dreieck der Drei Schwestern, die immer Hand in Hand zu Bett gehen. Sie zeichnete den langen, trägen Sternenfluss, der jede Sommernacht in die dunkle Schale hinter den Hügeln strömt.

Eine nach der anderen erkannten die Sternbilder sich auf ihrer Karte. Eine nach der anderen gähnten sie.

Gut, dachte Mireille. Gut, gut.


Dann kamen die Planeten.

Sie klopfte mit ihrem Fingerhut an die Fensterscheibe — tink — und Venus wandte ihr helles Gesicht zur Dachkammer.

“Es ist Zeit”, sagte Mireille.

Venus seufzte den Seufzer von jemandem, der zu lange auf einem Fest gesungen hat. Sie wurde ein wenig blasser und ließ Mireille einen kleinen silbernen Kreis um sich auf der Karte ziehen. Das war Venus, zugedeckt.

Mars kam als Nächster, rosarot grummelnd. Mireille zeichnete ihm eine Decke aus Wolken. “So”, sagte sie. “Warm genug?” Mars murmelte etwas, aber er hörte auf, sich zu wälzen.

Saturn ließ sich Zeit, wie Saturn das tut. Mireille zeichnete jeden ihrer Ringe der Reihe nach, langsam, langsam, mit der Geduld von jemandem, der eine Sache schon sehr lange liebt. Ring. Ring. Ring. Ring. Beim vierten war Saturn schon halb eingeschlafen.

Jupiter war einfach. Jupiter hatte seit dem Abendessen gegähnt.

Und zuletzt waren nur noch die kleinen Sterne am Horizont übrig — die Kicherer, die Flüsterer, die, die nie wollten, dass die Nacht endete.

Mireille tauchte ihren Bleistift ein letztes Mal ein. Es war gerade noch genug Mondschein für ein Schlaflied übrig.

Sie zog eine lange, schwingende Linie, die sie alle zusammenfasste, so wie ein Hirte Lämmer in den Pferch sammelt. Sie zog sie langsam. Sie zog sie freundlich. Und die kleinen Sterne, die sich in derselben weichen Kurve wiederfanden, lehnten sich aneinander und schlossen die Augen.

Der Himmel wurde still.

Mireille lehnte sich auf ihrer Fensterbank zurück.

Ihre Flügel schmerzten angenehm. Ihr Fingerhut war leer, vom letzten Tropfen blank poliert. Tief unten im Haus schlug eine Uhr etwas Sanftes und Vergessbares.

Sie rollte ihre Karte zusammen.

Sie stellte den Fingerhut auf die Fensterbank, wo die Spinne ihn im Morgengrauen finden würde, mit einem kleinen Dankeschön, in Bleistiftstaub daneben geschrieben.

Dann faltete Mireille ihre weichen grauen Flügel, so wie man einen Brief faltet, den man zu Ende geschrieben hat, und lehnte den Kopf an das kühle Glas.

Über ihr war der Himmel ein tiefes, langsam atmendes Blau. Die Sterne waren, wo sie hingehörten. Die Planeten waren zugedeckt. Der Mond, der geliehen hatte, was nötig war, zog mit einem kleinen, heimlichen Lächeln weiter.

Und Mireille, müde kleine Astronomin der Dachfensterbank, schloss endlich die Augen.

Die Nacht war zu Bett gebracht.

Jetzt war sie an der Reihe.

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