Das Postamt im Lavendelfeld
Am weichen Rand eines Lavendelfeldes, wo der Wind langsam geht, weil er nirgends hin muss, steht ein kleines hölzernes Postamt mit einem schiefen Schornstein und einer Laterne, die leise summt.
Der Postmeister ist ein Fuchs namens Pim.
Pim hat rostrote Ohren, eine weiße Schwanzspitze und die Angewohnheit, Dinge zu vergessen. Er vergisst, wo er seine Brille hingelegt hat (auf seinem Kopf). Er vergisst die Namen der Wochentage (also nennt er sie nach dem Wetter). Er vergisst, warum er in die Küche gegangen ist, und bleibt trotzdem dort, weil der Wasserkessel gute Gesellschaft ist.
Aber Pim vergisst niemals, niemals einen Brief.
Das Postamt ist ein stiller Ort. Es kommen wenige Besucher. Die Glocke über der Tür klingelt nur, wenn ein Falter sie anstößt oder wenn der Lavendel sich vorbeugt, um guten Abend zu sagen.
Meistens sind es die ungesendeten Briefe, die ankommen.
In der Dämmerung rutschen sie durch den Messingschlitz: Briefe, die geschrieben und nie aufgegeben wurden, Worte, in Umschläge gefaltet und dann in Schubladen verstaut, in Büchern vergessen, in Manteltaschen, die in die Wäsche wanderten. Briefe, die sich von denen, die sie schrieben, davongeschlichen haben und auf irgendeinem Weg zu Pim gefunden haben.
Es tut mir leid. Du fehlst mir. Ich hätte es sagen sollen. Gute Nacht, wo immer du bist.
Pim liest sie nicht. Niemals. Ein Brief ist ein kleines privates Haus, und er ist nur der Hüter der Straße.
Stattdessen sortiert er sie nach Duft.
Er hebt jeden Umschlag an seine kleine schwarze Nase und atmet ganz behutsam, so wie man auf ein Fenster haucht, um zu sehen, ob es beschlägt. Und der Brief verrät ihm auf seine stille Art, welche Art von Erinnerung er in sich trägt.
Manche riechen nach Regen auf warmen Steinen. Manche nach der Küche einer Großmutter — nach Mehl, nach Butter, nach Geduld. Manche nach dem Meer am Ende eines Sommers. Manche nach einem Schlafzimmer um sechs Uhr früh, wenn jemand, den man liebt, noch schläft und das Licht die Farbe von Milch hat.
Pim schnuppert, nickt und murmelt: „Ah. Für dich die blaue Schublade”, oder: „Du gehörst zu den anderen, die nach Äpfeln duften.”
Hinter dem Tresen besteht die Wand aus lauter Schubladen. Hunderte. Jede ist mit Samt ausgekleidet — moosgrün, pflaumenfarben, taubengrau, das weiche Rosa eines Muschelinneren. Pim hat die Auskleidungen selbst genäht, an langsamen Nachmittagen, mit Garn, das er ständig in seiner Tasche vergaß.
In die richtige Schublade wandert jeder Brief, um zu schlafen.
„Träum schön”, flüstert Pim und schiebt die Schublade zu. „Du wirst gebraucht, wenn du gebraucht wirst.”
Das ist das Geheimnis des Postamts im Lavendelfeld: Ein Brief ist nicht verspätet, nur weil er nicht angekommen ist. Manche Briefe warten nur darauf, dass ihr Leser bereit ist.
Ein Kind, das noch zu klein ist für die Worte. Ein Herz, das noch zu wund ist. Jemand, der die Sprache des Verzeihens noch nicht gelernt hat, oder die des Bleibens, oder die des Loslassens.
Die Schubladen summen leise durch die Jahre. Der Samt hält die Briefe warm. Und draußen vor dem Fenster atmet der Lavendel seinen langen violetten Atem ein, und aus, und ein, und aus, und die Briefe träumen von den Händen, die sie eines Tages öffnen werden.
An diesem besonderen Abend — einem langsamen, blauen Abend am längsten Tag des Jahres — räumt Pim auf.
Er hat seinen Tee vergessen (er steht auf der Fensterbank). Er hat vergessen, die Uhr aufzuziehen (sie nimmt es nicht übel; sie geht seit Jahren ihre eigene Zeit). Gerade will er vergessen, die Laterne auszublasen, da bemerkt er auf dem Tresen einen kleinen Umschlag, an dessen Sortieren er sich nicht erinnert.
Er ist cremefarben, ohne Adresse.
Pim hebt ihn an die Nase.
Er riecht nach frischen Laken, nach einer kleinen Lampe und nach jemandem, der vorliest. Er riecht nach Zugedecktwerden. Er riecht nach fast eingeschlafen.
Pim lächelt. Diesen hier kennt er.
Auf leisen Pfoten tappt er zur untersten Schublade — der, die dem Boden am nächsten ist, ausgekleidet in Samt von der Farbe des Nachthimmels kurz bevor die Sterne erscheinen. Er zieht sie auf. Drinnen ist eine weiche, wartende Dunkelheit.
„So”, sagt er und bettet den Brief sanft hinein. „Ruh dich hier aus. Dein Leser ist fast bereit.”
Er schließt die Schublade.
Draußen hat das Lavendelfeld die Farbe eines angehaltenen Atems angenommen. Die ersten Sterne treten heraus, einer nach dem anderen, vorsichtig. Pim klettert auf seinen kleinen Hocker hinter dem Tresen, legt das Kinn auf die Pfoten und gähnt ein kleines Fuchsgähnen.
Er vergisst, wie immer, was er als Nächstes tun wollte.
Er erinnert sich, wie immer, dass es nicht wichtig ist.
Die Laterne summt. Die Schubladen summen. Der Lavendel summt. Irgendwo im samtenen Dunkel träumt ein Brief, der nach fast eingeschlafen riecht, seinen langsamen, geduldigen Traum — und nun, ganz langsam, tust du es auch.
Gute Nacht, kleiner Leser.
Gute Nacht, Pim.
Gute Nacht, Lavendel und Laterne und all die stillen Schubladen voller wartender Liebe.