Die Meerglas-Meerjungfrau und die singenden Muscheln
Tief unter dem langsamen blauen Schweigen des Meeres, wo der Sand bleich ist wie Mondlicht und der Tang sich wiegt wie schläfrige Fahnen, lebte eine kleine Meerjungfrau, die ganz aus Meerglas war.
Ihr Schwanz hatte das sanfte Grün von Flaschen, die eine weite Reise hinter sich hatten. Ihr Haar war schaumhell, ihre Augen so farben wie Hafenmorgen. Wenn die Sonne durch das Wasser hinabglitt, ging sie geradewegs durch sie hindurch, und sie leuchtete in einem sanften, schläfrigen Türkis.
Ihr Name war Maren.
Maren war sehr scheu. Sie mochte die geschäftigen Riffe nicht, wo die Papageifische tratschten, und auch nicht die hellen Höhlen, in denen die jungen Meermädchen einander Bänder aus Seegras ins Haar flochten. Sie liebte die stillen Orte. Das Schweigen hinter einem Wrack. Die Ruhe eines Gezeitentümpels in der Dämmerung. Das lange, lauschende Dunkel.
Und Maren hatte ein Geheimnis.
Sie kannte die alten Wiegenlieder.
Die, die die Menschen vergessen hatten.
Über die Jahre waren sie zu ihr hinabgetrieben, so wie Blätter in einen langsamen Fluss treiben — Lieder, die Großmütter vor hundert Sommern gesummt hatten, Wiegengesänge aus Dörfern, die nun nur noch sanfte Hügel waren, Schlafverse, die Seeleute sich auf einsamer Wache leise selbst zugeflüstert hatten, bevor sie am Mast eingeschlafen waren.
Wenn ein Lied droben nicht mehr gesungen wurde, sank es. Langsam. Lautlos. Wie eine Feder aus Musik. Und Maren fing mit ihren Meerglas-Ohren jedes einzelne auf, sobald es herabschwebte.
Sie bewahrte sie alle in sich, diese leisen Melodien, und wusste nicht, was sie damit anfangen sollte. Ein Lied, das niemand singt, ist ein einsames Ding.
Eines Abends, als das Meer pflaumenfarben war und die ersten Sterne durch den Himmel stachen, fand Maren eine leere Muschel im Sand. Sie war ein cremefarbenes Schneckenhaus, glatt wie eine schlafende Wange, und ganz hohl im Inneren.
Sie hob sie auf und hielt sie ganz nah an sich.
Ganz leise, beinahe gar nicht, summte sie hinein.
Es war ein Wiegenlied von einem kleinen Boot und einem gütigen Mond. Sie hatte es lange, lange in sich getragen.
Die Muschel lauschte. Und dann — oh, das Wunderbare — die Muschel behielt das Lied. Maren konnte hören, wie es sanft in ihr weitersang, wie eine Biene in einer Blüte.
Marens Meerglas-Wangen färbten sich vor leiser Freude rosa.
Sie schwamm hinauf, hinauf, hinauf, bis das Wasser silbern wurde, und legte die Muschel auf den Rücken einer kleinen Welle. Die Welle trug sie behutsam fort, so wie man ein schlafendes Kätzchen tragen würde.
Die ganze Nacht ritt die Muschel auf der Tide und sang ihr kleines Mond-und-Boot-Lied ins dunkle Wasser hinein.
Als der Morgen kam, war sie an einem stillen Strand angeschwemmt worden, genau zu den Füßen eines müden alten Seemanns, der seit vielen Wochen nicht mehr richtig geschlafen hatte. Langsam bückte er sich und hob die Muschel ans Ohr.
Und da — zart wie eine Erinnerung, weich wie die Hand seiner Mutter — war ein Wiegenlied, das er für verloren gehalten hatte.
Er setzte sich gleich dort in den Sand und lauschte, bis seine Augen schwer wurden. Dann legte er sich zurück, die Muschel neben sich, und schlief den tiefen, gütigen Schlaf eines Kindes.
Danach konnte Maren nicht mehr aufhören.
Jeden Abend sammelte sie leere Muscheln: perlrosa, gesprenkelte, winzig gekräuselte in der Größe eines Fingerhuts, große glatte wie hohle Hände. Sie reihte sie auf einem stillen Felsabsatz auf und summte eine nach der anderen voll.
In eine gestreifte Muschel hauchte sie ein Lied von Schafen auf einem grünen Hügel.
In eine winzig weiße ein Lied von einer Kerze im Fenster.
In eine lange, gewundene Muschel ein Lied, das die Frau eines alten Fischers vor sich hin gesungen hatte, um sich Gesellschaft zu leisten, während sie im Regen die Netze flickte.
Jede Muschel nahm ihr Lied behutsam an und hütete es gut.
Dann stieg Maren an die Oberfläche und setzte sie, eine nach der anderen, auf die ablaufende Tide. Sie sah ihnen nach, wie sie in die Dämmerung hinausschaukelten — eine kleine Flotte verschlafener Laternen.
Irgendwo würde sich ein Seemann auf einem knarrenden Schiff über die Reling beugen und eine Muschel finden, die höflich gegen den Rumpf klopfte. Irgendwo anders würde die Tochter eines Leuchtturmwärters eine zwischen dem Morgentang entdecken. Ein Junge, der vor der Schule am Strand entlangging, würde ein kleines Schneckenhaus aufheben und ganz leise ein Lied hören, das sein Großvater einst gesungen hatte.
Und jeder von ihnen, Seemann und Tochter und Junge, würde ein sanftes, geborgenes Gefühl in der Brust spüren, als hätte sich etwas Freundliches an sie erinnert.
Maren zeigte sich nie. Sie schaute nur von unter den Wellen zu, ihre Meerglas-Schultern schimmerten schwach, und ihr Lächeln war klein und zufrieden.
Die vergessenen Wiegenlieder waren nicht mehr vergessen. Sie ruhten nur in Muscheln und warteten darauf, an ein schläfriges Ohr gehoben zu werden.
Und wenn du heute Nacht ganz genau lauschst — sogar aus deinem warmen Bett, sogar weit weg von jedem Ufer — wirst du vielleicht ein ganz, ganz leises Summen hören, als atmete irgendwo eine kleine grüne Meerjungfrau ein uraltes Lied in eine Muschel, die bis zum Morgen für dich bestimmt ist.
Schließ die Augen.
Die Tide trägt sie schon.
Sie ist beinahe da.
Gute Nacht.