Der Stundenhüter von Moosbrück
Im Dorf Moosbrück, wo sich die Gassen wie Bänder schlängelten und jeder Schornstein einen kleinen grauen Gedanken in den Himmel pustete, lebte ein alter Dachs namens Bramwell Tick.
Sein Laden stand zwischen der Bäckerei und der Weide, und er roch nach Öl und altem Papier und jenem süßen Staub, der sich auf Messing legt. Über der Tür hing ein Schild, so verwittert, dass man wissen musste, was darauf stand, um es zu lesen: Tick & Stund’ — Stille Arbeit, sorgsam getan.
Bramwell trug eine runde Brille, die ihm seit vierzig Jahren auf die Nasenspitze rutschte. Seine Pfoten waren breit und sanft. Und jeden Abend, wenn die Sonne ihre Wange an die Hügel lehnte, machte er sich auf seinen Rundgang.
Er trug eine kleine Ledertasche bei sich. Darin lagen winzige Werkzeuge — ein Pinsel aus Mäusebarthaar, ein Schlüssel nicht größer als ein Samenkorn, ein gefaltetes Stück Samt — und in dem Samt das Wichtigste von allem: seine Geduld.
Tick. Tick. Tick.
So klang das Dorf, während Bramwell durch die Straßen ging. Taschenuhren in Westen. Taschenuhren auf Nachttischen. Taschenuhren, vergessen in den Schalen bei den Haustüren, neben Schlüsseln und Eicheln und halb gegessenen Keksen.
Jede Uhr kannte Bramwell beim Namen.
Zuerst besuchte er die Bäckerin, Frau Igelfeld, deren Uhr rund und warm war von einem Tag in ihrer Schürzentasche. Bramwell nahm sie auf seine Pfote.
“Guten Abend, Pflaume”, murmelte er — denn so hatte er die Uhr vor langer Zeit getauft, als ihr Gehäuse noch die Farbe einer Pflaume hatte. “Zeit zur Ruh.”
Er drehte die Krone dreimal sanft. Nicht zu fest. Niemals zu fest. Eine zu eifrig aufgezogene Uhr, sagte er stets, träume schlecht. Drei sanfte Drehungen genügten, um sie durch die Nacht zu tragen, und ließen ihr Raum zum Atmen.
Dann legte er Pflaume in ihre Schale am Fenster, wo der Mond sie finden konnte, und zog einen Zipfel Tuch über ihr Gesicht, wie eine Decke bis zum Kinn.
Schlaf gut, dachte er. Und Pflaume, nun langsamer tickend, schien einverstanden.
Er ging weiter.
Zum Schulmeister, dessen Uhr dünn und silbern war und ein wenig ängstlich, immer eine halbe Minute zu früh. Bramwell flüsterte ihr beim Aufziehen zu: “Heute Nacht gibt es keine Eile. Der Morgen wird auf dich warten.”
Zum Fährmann, dessen Uhr nach Fluss und Pfeifenrauch roch und deren Ticken tief war wie ein Froschruf.
Zur kleinen Wren Wiesenfink, die erst sieben war und im Frühling die Uhr ihres Großvaters bekommen hatte. Sie legte sie immer für Bramwell aufs Fensterbrett, mit einer Zeichnung daneben. Heute zeigte die Zeichnung einen Dachs, der einen Stern hielt. Bramwell lächelte, steckte das Bild wortlos in seine Tasche und zog die Uhr besonders behutsam auf.
Haus für Haus. Lampe für Lampe. Das Dorf wurde stiller hinter ihm, so wie ein Teich still wird, wenn die letzte Welle ans Ufer gelaufen ist.
Als der Himmel endlich die Farbe von Zwetschgenmus angenommen hatte, kam Bramwell zur allerletzten Uhr seines Rundgangs. Sie gehörte niemandem im Besonderen. Sie wohnte im kleinen Messing-Turm in der Mitte des Platzes und war die älteste Uhr in Moosbrück — älter als Bramwell, älter als die Weide, vielleicht älter als das Dorf selbst.
Er stieg die kleine Holztreppe hinauf. Seine Knie machten ihr eigenes leises Tick, Tack dabei.
Oben wartete die große Uhr. Bramwell musste sie kaum aufziehen. Sie hatte ein langsames, geduldiges Herz. Er legte nur einen langen, stillen Augenblick die Pfote auf ihr Gehäuse, so wie man eine Hand auf die Schulter eines alten Freundes legt.
“Wieder ein guter Tag”, sagte er.
Die Uhr tickte. Die Uhr stimmte zu.
Bramwell zog ihren weichen Messingdeckel zu — klick — und das Geräusch war so klein und so endgültig, dass im ganzen Dorf die anderen Uhren zu seufzen, sich zu setzen und langsamer zu werden schienen.
Unter Dachtraufen. Unter Tüchern. Unter den eingerollten Pfoten schlafender Kinder.
Die Stunden waren zugedeckt.
Bramwell schlurfte durch den blauen Abend nach Hause. Seine eigene Uhr, die er seit jungen Tagen trug, als sein Fell noch glatt und seine Nase noch ruhiger war, tickte sanft in seiner Westentasche. Er zog sie nicht zuletzt auf. Er zog sie jeden Morgen als Erstes auf, damit sie ihn durch den Tag begleiten konnte.
An seiner Tür hielt er inne.
Das Dorf atmete jetzt — jenen langen, weichen Atemzug, den Orte tun, wenn jede Uhr eine Gutenacht-Berührung bekommen hat. Irgendwo pfiff ein Kessel und verstummte. Irgendwo wurde ein Wiegenlied halb gesungen, halb gesummt.
Bramwell trat ein. Er legte seine Brille auf den Tisch. Er hängte seine Tasche an den Haken. Er goss sich eine kleine Tasse Kamillentee ein, sah zu, wie sich der Dampf ins Lampenlicht ringelte, und lauschte.
Tick.
Tick.
Tick.
Alle Stunden von Moosbrück, schlafend unter ihren weichen Messingdecken, bis er im Morgengrauen wiederkäme, die Decken zu heben und sie wachzuflüstern.
Und du, liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer — auch deine kleine Uhr tickt, irgendwo nahe deinem Kissen, irgendwo nahe deinem Herzen. Bramwell hat sie sanft aufgezogen. Drei leise Drehungen. Gerade genug.
Die Nacht ist weit. Die Nacht ist mild.
Gute Nacht.